10 Jahre Landesarbeitskreis Hessen / Thüringen

1997 bis 2007 - Eine höchst subjektive Betrachtung

 

Endlich sollte es vorbei sein mit dem alten Mündelgeldverfahren, das je nach Anzahl der Vorgangsbeteiligten bei einer Einzahlung von 3,50 DM eine zwölfseitige „Geldeingangsanzeige“ im DIN A3 – Format in einem Wiesbadener Rechenzentrum ausspuckte, welche dann auf dem Postweg in die Amtsstube gelangte, um dort erst mal von dem gelochten Rand getrennt zu werden. Auch die von allen so geliebte Belegerfassung, von der man erst zwei Wochen später erfuhr, ob man sich auch nicht verschrieben hatte, sollte bald Geschichte sein. Niemand musste sich mehr merken, wie man die Belege im Sonderformat DIN A irgendwas faltet, damit sie in eine Akte abgeheftet werden konnten. Um nach der fünften Buchung Band 2 der Akte anlegen zu müssen. Und erst die Möglichkeiten, nicht mehr auf jede Rechnung einen Anordnungsstempel drücken und jeden Betrag mit der Hand auch in Worten eintragen zu müssen – das sollte jetzt alles der Computer erledigen.

Das erste Mal

Als dann ein Stand-Alone-PC (so nennt man einsame Computer, die keine Freunde in einem Netzwerk haben) aus der bayerischen Landeshauptstadt eintraf und zum ersten Mal Recos 14 gestartet wurde, ging ein Raunen durch das Zimmer. Alles so schön blau! Und so einfach zu bedienen! Mit F6 startete man und mit F12 brach man wieder ab. Und Verwerfen konnte man auch. Vollständigkeit war nur gegeben, wenn man zwischendrin auch mal F10 und F9 drückte. Das Beste aber war, dass man es sofort merkte, wenn man Unsinn gemacht hatte.

Das System wollte man haben und ruckzuck wurde es angeschafft. Der Server ein etwas besserer PC mit ganz viel Rechenkraft. Und 25 Leute wurden vernetzt. Technik vom Feinsten, auch wenn heute jede Kaffeemaschine mehr Kapazitäten hat, alle waren glücklich.

Gleichgesinnte

Aber dann wollten die mittlerweile erfahrenen Kollegen etwas mehr. Und damit waren sie nicht allein. Bundesweit fanden sich Gleichgesinnte, die es für sinnvoll hielten, sich zu treffen und gemeinsam zu überlegen, wie es mit dem Programm weitergehen soll.

Im herbstlichen München fand dann ein Bundesarbeitskreis statt, zu dem das erste Mal ein hessischer Vertreter eingeladen wurde. Auf der Tagesordnung waren zukunftsorientierte Themen verzeichnet: „Textanbindung unter WinWord und HIT“, „Recos 14 unter Windows“ und - am schönsten eigentlich: „Anregungen und Wünsche der Landesarbeitskreise“.

Nun gut, aus dem kleinen Main-Taunus-Kreis hinein in die große Welt: Mit leichten Halbschuhen aus dem recht milden Mittelhessen um 4 Uhr 52 morgens in den Zug und fünf Stunden später raus aus dem Münchener U-Bahnhof in den meterhoch verschneiten Olschewskibogen – der erste BAK  und gleich mit nassen Socken! Umso besser die dort besprochenen Themen: „Sollstellung an STOK“, „STOK an Recos“ – das klang ja wie auf Captain Kirks Kommandobrücke! Mehr und mehr wurde die Überzeugung geboren: So was können wir in Hessen auch!

Hessen vorn

In der Zwischenzeit hat sich im Norden des Hessenlandes eine Gruppe von Interessierten gebildet, die das Rechnen und das Speichern ihrer Daten einer zentralen Stelle überlassen wollten. Dort traf man sich dann mit dem Landesjugendamt, das von dieser Gruppe berichtete und fragte, ob nicht alle Jugendämter in Hessen zusammen arbeiten sollten.

Das machen wir, dachte man sich in dem kleinen Landkreis Main-Taunus. Wo wir doch so ein schönes Kreishaus haben. Wir laden alle Jugendämter in Hessen ein und gründen einen eigenen Landesarbeitskreis! Weil die Hessen nicht ganz alleine werkeln wollten und schon in einigen anderen Fragen den Thüringern unter die Arme gegriffen haben, wurden die dortigen Kollegen ebenfalls eingeladen.

Am 17. April 1997 war es dann soweit – die erste Sitzung fand statt. Es gab genug zu besprechen:

Die Jugendhilfeplanung und der Soziale Dienst fanden gar keine Berücksichtigung in dem Programm, die Schulungsunterlagen waren nicht aktuell, Recos 14 sollte auch mit anderen Verfahren Daten austauschen können und natürlich auch ausrechnen, wer wie viel Unterhalt für sein Kind zu zahlen hat. Schließlich soll das alles aber unter Beachtung des Datenschutzes passieren – wo kämen wir sonst hin!

In der Folgezeit wurden die regelmäßigen Sitzungen der Anwender zu einem unverzichtbaren Forum für den Erfahrungsaustausch und für die Sammlung von Anforderungen. Fortan wurden die Wünsche und Ideen aus Hessen und Thüringen regelmäßig in den Bundesarbeitskreis getragen, um sich dort schon allein zahlenmäßig mit Anforderungen aus anderen Ländern zu messen. Meist wurde das Landesmotto eingehalten: Hessen vorn!

Die Idee, die Sitzungen des Landesarbeitskreises an ständig wechselnden Orten stattfinden zu lassen, hatte auch etwas für sich. So lernte man endlich mal sein eigenes Bundesland kennen.


Stetiger Wandel

Nun ging das Leben seinen Gang – zweimal pro Jahr der Landesarbeitskreis, zweimal der Bundesarbeitskreis und zwischendrin auch mal ein paar Arbeitsgruppen, die sich zum Ziel gesetzt hatten, bei den Programmierern keine Langeweile aufkommen zu lassen.

Aber auch „von oben“ gab es genug Anlässe der stetigen Veränderung. Aus Müttern unehelicher Kinder wurden plötzlich mündige Bürgerinnen, für deren Kinder kein amtlicher Pfleger mehr notwendig war. Die gute alte D-Mark wurde erst in eine Archivdatenbank und dann schließlich ganz aus dem System verbannt. Auch verbreitete sich die Erkenntnis, dass SQL eigentlich nicht die Abkürzung für „sucht quälend langsam“ ist.

Das alles war dann auf Dauer aber doch zu langweilig. Weil die Main-Metropole es gut fand, wie die Jugendämter im Speckgürtel und darüber hinaus mit Recos 14 arbeiteten, wollte man das dort auch. Aber in Frankfurt macht man keine halben Sachen. Wenn schon, denn schon, dachte man sich und forderte Recos 14 endlich auch für den Sozialen Dienst.

Der Weg zum Plus

Mit den Kolleginnen und Kollegen aus ganz Deutschland konnte man im Bundesarbeitskreis in dieser Zeit einiges erleben.

Nach anstrengenden Sitzungen, die oft im Hause des „Meister Eder“ stattfanden, aber auch im Schnee der Voralpen oder im hohen Norden der Republik, fand man abends auf dem Plüschsofa verschiedener Reisebusse, bei Taxi-Verfolgungsjagden oder beim geselligen Beisammensein immer Gesprächsstoff. Leider lässt sich heute nicht mehr feststellen, ob so der Name „Recos 14plus“ tatsächlich bei Gesängen während einer Hafenrundfahrt in Hamburg erfunden oder nur auf psychologisch geschickte Weise den Landesvertretern näher gebracht wurde.

Seitdem zumindest - und weil man die Kolleginnen und Kollegen der Sozialen Dienste nicht länger recostechnisch unversorgt lassen wollte - hat das Programm ein Plus. Für die „alten“ Kunden, die in diese schöne neue Welt umsteigen wollten, gibt es seitdem den geliebten Begriff „Migration“. Das ist so etwas Tolles, dass sich bis heute einige Jugendämter Zeit lassen, um diesen Prozess so richtig zu genießen.

Überall bemerkte man einen Wandel durch die Einführung des Programms in den Sozialen Diensten.

Nicht nur, dass es neben einem Bundesarbeitskreis nun auch einen „Fachausschuss Soziale Dienste“ gab und zwischen beiden Gremien immer wieder diskutiert wurde, wessen Vorschläge nun wichtiger seien – nein, auch in den Jugendämtern hatte man es plötzlich mit ganz anderen Leuten zu tun.

Die Frage, ob Sozialarbeiter überhaupt einen PC brauchen, ist seit dieser Zeit beantwortet.

Alles neu aus Herten ?

Das Jahr 2004 begann dann mit einer Neuigkeit, mit der kein Recos 14 – Anwender gerechnet hat. Das Programm wurde an die PROSOZ Herten GmbH verkauft.

Wie sollte es nun weitergehen? Wird alles eingestampft?

Auch im Landes- und Bundesarbeitskreis fand die ein oder andere hitzige Debatte statt. Aber schließlich wurde ja nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wurde und es stellte sich heraus, dass 14plus als langfristiges strategisches Produkt weiter leben wird.

Dies war natürlich umso mehr Anlass, auf allen Ebenen an der Weiterentwicklung des Programms mitzuarbeiten. Die Herausforderungen nehmen ja nicht ab: Was früher, als es noch Begriffe wie Haushaltsklarheit und -wahrheit gab, viel zu kompliziert war, wird mal wieder „von oben“ im Zuge von Budgetierung und Doppik so sehr vereinfacht, dass es kaum einer versteht.

Da bedarf es schon der vier Augen, um mit der Entwicklung Schritt zu halten. Und deshalb: 

Wir sind für alles offen und machen auch in Zukunft mit!

Uwe Weidner
Frühjahr 2007